Wenn KI Photoshop und Co. nachbaut

Ein Entwickler, KI-Agenten und ein ehrgeiziges Ziel: Mit PhotoCraft und LightCraft entstehen quelloffene Alternativen zu Photoshop und Lightroom. Noch sind sie keine fertigen Ersatzprogramme. Spannend ist vor allem, was ihre Entstehung über die neue Rolle von KI in der Softwareentwicklung verrät.

Ein Bildbearbeitungsprogramm von Grund auf zu entwickeln, war lange ein Vorhaben für große Teams und lange Projektlaufzeiten. Jetzt sorgt ein kleines Projekt für Aufmerksamkeit: Das ArtCraft-Team arbeitet an PhotoCraft für die Bildbearbeitung und LightCraft für Fotoverwaltung und RAW-Entwicklung – zwei kostenlosen Open-Source-Programmen, die sich an den Arbeitsabläufen von Photoshop und Lightroom orientieren. Der Entwickler Brandon Thomas sagt, dass ihm KI beim Bau der Anwendungen geholfen hat.

Der interessante Teil ist nicht einfach „KI macht Photoshop“. So weit ist es nicht. Die Programme sind noch jung, und die Entwickler selbst bezeichnen PhotoCraft als frühe Alpha-Version. Vielmehr zeigt das Projekt, wie KI-Tools Menschen dabei unterstützen können, ambitionierte Softwareprojekte anzugehen, die früher kaum ohne ein großes Entwicklerteam vorstellbar waren.

Vertraute Werkzeuge, anderer Ansatz

PhotoCraft setzt auf Ebenen, Masken, Einstellungsebenen und die Arbeit mit PSD-Dateien – also auf Konzepte, die vielen Photoshop-Nutzern vertraut sind. LightCraft wiederum verbindet eine Fotobibliothek mit einem RAW-Entwickler: Belichtung, Farbe und andere Einstellungen lassen sich verändern, ohne das Originalbild direkt zu überschreiben. Die Programme sollen lokal auf dem eigenen Gerät laufen; PhotoCraft ist unter MIT- oder Apache-2.0-Lizenz veröffentlicht.

Das ist ein bewusst alltagsnaher Ansatz: Statt Nutzerinnen und Nutzer zu zwingen, völlig neue Abläufe zu lernen, orientieren sich die Programme an bewährten Werkzeugen und Tastenkürzeln. Gerade das könnte die Einstiegshürde für eine Alternative senken – sofern die Anwendungen im Alltag zuverlässig genug werden.

Doch die Schlagworte „Photoshop-Alternative“ und „Lightroom-Alternative“ dürfen nicht mit „gleichwertiger Ersatz“ verwechselt werden. PhotoCraft ist laut Projektbeschreibung noch nicht für den täglichen professionellen Einsatz gedacht. Bei LightCraft sind ebenfalls wichtige Bereiche noch in Arbeit; die Entwickler nennen etwa Grenzen bei KI-gestützten Auswahlmasken und Rauschreduzierung. Der aktuelle Stand: interessant zum Beobachten und Ausprobieren, aber noch keine Empfehlung, die etablierte Arbeitsumgebung einfach auszutauschen.

Was KI hier wirklich verändert

Bei generativer KI denken viele zuerst an Bilder, die auf Knopfdruck entstehen. In diesem Fall geht es um eine andere Anwendung: KI als Entwicklungspartner. Sie kann beim Schreiben von Code helfen, Funktionen umsetzen, Fehler aufspüren oder Arbeitsschritte beschleunigen. Die menschliche Aufgabe verschwindet damit nicht. Jemand muss weiterhin entscheiden, was gebaut werden soll, prüfen, ob es funktioniert, und Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.

Ein einzelner Entwickler kann so womöglich mehr ausprobieren und ein größeres Projekt koordinieren, als es allein mit klassischer Handarbeit möglich wäre. Das bedeutet nicht automatisch, dass KI fehlerfreie Software produziert oder ein großes Team über Nacht überflüssig macht. Gerade Bildbearbeitung ist kompliziert: Dateiformate, Farbmanagement, große Bilddateien und verlässliche Ergebnisse müssen zusammenspielen. Ein Werkzeug kann auf den ersten Blick vertraut wirken und trotzdem in wichtigen Details noch nicht belastbar sein.

PhotoCraft macht außerdem sichtbar, wie KI den Begriff „fertig“ verschieben könnte. Eine erste Version lässt sich womöglich schneller erstellen. Aber Stabilität, Kompatibilität, gute Dokumentation und langfristige Pflege bleiben Arbeit. Bei Software, auf die Fotografen oder Agenturen ihre täglichen Abläufe stützen, zählt nicht nur, ob ein Werkzeug heute eine Funktion anbietet, sondern auch, ob es morgen noch zuverlässig funktioniert.

Warum Open Source zählt

Der Quellcode solcher Programme ist öffentlich einsehbar und kann – im Rahmen der jeweiligen Lizenz – verändert oder weiterentwickelt werden. Das ist mehr als ein Preisvorteil. Ein offenes Projekt kann von einer Gemeinschaft geprüft, verbessert und an neue Bedürfnisse angepasst werden. Lokale Verarbeitung kann zudem attraktiv sein, wenn Nutzer ihre Fotos nicht an einen Cloud-Dienst übertragen möchten. PhotoCraft beschreibt seine Auswahlfunktionen als lokal ausgeführt; LightCraft wirbt ebenfalls mit einem lokalen Ansatz ohne Konto und Cloud.

Offenheit garantiert allerdings weder Sicherheit noch dauerhafte Weiterentwicklung. Dafür braucht es eine aktive Gemeinschaft, klare Zuständigkeiten und regelmäßige Pflege. Und wer beruflich auf eine Software angewiesen ist, muss auch an Support, Backups und den Umgang mit eigenen Projektdateien denken.

Rechtslage?

Dass eine Anwendung Funktionen und Arbeitsabläufe eines bekannten Programms nachbildet, ist nicht automatisch dasselbe, wie dessen Programmcode zu kopieren. Das EU-Urheberrecht schützt grundsätzlich die konkrete Ausdrucksform eines Computerprogramms, nicht ohne Weiteres die zugrunde liegenden Ideen und Prinzipien. Wo die Grenze verläuft, hängt jedoch von den Details ab: etwa davon, ob Code, geschützte Gestaltungselemente oder andere geschützte Inhalte übernommen wurden.

Die ArtCraft-Projekte bezeichnen sich als „Clean-Room“-Neuentwicklungen – also als Programme, die ohne Übernahme von Adobes proprietärem Code entstehen sollen. Das ist zunächst die Darstellung des Projekts, keine unabhängige juristische Prüfung. Auch die KI-Entwicklung wirft eigene Fragen auf, etwa dazu, welche Inhalte beim Training verwendet wurden und welche Rechte daran bestehen. Für PhotoCraft und LightCraft lässt sich daraus allein kein abschließendes Urteil ableiten; entscheidend wären konkrete Fakten und gegebenenfalls eine gerichtliche Prüfung.

Noch kein Umstieg – aber ein Signal

PhotoCraft und LightCraft sind derzeit vor allem ein Experiment mit bemerkenswerter Tragweite: Sie verbinden bekannte kreative Arbeitsabläufe, offene Lizenzen und KI-unterstützte Entwicklung. Ob daraus ernsthafte Alternativen für den Alltag werden, hängt nicht nur davon ab, wie schnell neue Funktionen hinzukommen. Ebenso wichtig sind Stabilität, Kompatibilität und die Frage, wer die Programme langfristig betreut.

Für Kreative könnte die größere Veränderung deshalb zunächst nicht lauten: „Adobe ist überflüssig.“ Eher: Es wird denkbarer, dass auch kleinere Teams spezialisierte Werkzeuge bauen, die früher nur großen Softwarefirmen zugetraut wurden. Wenn das gelingt, könnten mehr Auswahl, neue Nischenprogramme und geringere Abhängigkeit von einzelnen Anbietern entstehen. Noch ist das eine Möglichkeit – aber eine, die sich zu beobachten lohnt.

Wie seht ihr diese Entwicklung? Eine Chance für Kreative oder womöglich das Ende für klassische Software-Entwickler?

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