Ein Desktop-Recycling-System für 3D-Druckerabfall – Revolution oder teure Spielerei?

Crealitys M1 & R1 zielen offenbar genau auf ein Problem, das jede halbwegs aktive 3D-Drucker-Community kennt: Kisten voller „Poop“, Supports und Fehldrucke, die man ungern wegwirft, aber auch nicht wirklich sinnvoll weiterverwenden kann.

Was machen der R1 und M1 konkret?

  • R1 Shredder:
    • Schreddert Fehldrucke, Supports und Spülabfall zu Granulat mit Korngrößen ≤ 4 mm, was wichtig ist, damit der Extruder das Material gleichmäßig einziehen kann.
    • Integrierte Trocknung im selben Gerät reduziert Feuchtigkeit – ein Schlüsselfaktor, weil nasses Granulat bei der Extrusion zu Blasen, Porosität und inkonsistentem Durchmesser führt.
  • M1 Filament Maker:
    • All‑in‑One‑Extruder, der das Granulat schmilzt, zu einem Strang formt, kühlt und direkt auf eine Spule wickelt.
    • Bis 350 °C mit drei Heizzonen, dazu 8‑Zonen‑Luftkühlung; damit sind PLA, PETG, PA, PC und sogar TPU im Fokus.
    • Output: bis zu ca. 1 kg/h laut Datenblatt, inklusive Durchmesserregelung und Angaben zur Toleranz.

Anspruch vs. Realität: Wie „gut“ ist recyceltes Filament?

Creality suggeriert im Marketing einen nahezu geschlossenen Kreislauf: „Müll rein, Filament raus“. Physikalisch sieht es aber vermutlich weniger romantisch aus – vom zuszätzlichen Strombedarf einmal abgesehen:

  • Materialdegradation:
    • Bei jedem Erhitzen werden Polymerketten kürzer, das Material wird spröder, Fließeigenschaften verändern sich – besonders kritisch bei PLA.
    • Die Konsequenz: Von Druck zu Druck verschlechtert sich die Performance, wenn man immer nur mit reinem Rezyklat arbeitet.
  • Durchmessertoleranz laut Creality:
    • Mit Neuware (Virgin Pellets): ca. ±0,05 mm – ein Wert, der für die meisten modernen Drucker absolut brauchbar ist.
    • Mit 100% Recycling-Material: ca. ±0,1 mm – das ist für viele High‑Speed‑Drucker (Bambu, neuere Creality CoreXY etc.) bereits an der Schmerzgrenze.
    • Konsequenz: Für wirklich sauberes Druckverhalten empfiehlt der Hersteller daher auch das Mischen mit frischen Pellets.

Ökonomische Betrachtung: Rechnen sich M1 & R1 überhaupt?

Ohne offizielle Endpreise bleibt es Spekulation…

  • Kostenbestandteile beim Selbstrecycling:
    • Anschaffungspreis M1 + R1 (vermutlich im oberen dreistelligen Bereich oder gar darüber hinaus).
    • Laufende Kosten: Strom, Wartung (Schneidwerk, Heizelemente, Sensorik), Verschleißteile.
    • Zeitaufwand: Sortieren nach Material, Säubern, Zerkleinern, Setup der Maschine, Qualitätskontrolle des Filaments.
  • Vergleich mit Neukauf:
    • Ein Kilo Marken‑PLA kostet im Normalfall (Straßenpreis) oft 15–30 €, Budget-Filamente auch darunter.
    • Selbst wenn dein recyceltes Filament „rohstoffseitig“ fast gratis ist, bezahlst du mit:
      • der Maschinenabschreibung,
      • Energie,
      • und dem Risiko unzuverlässiger Drucke (Clogs, Unter/Überextrusion, Oberflächendefekte), die wiederum neue Fehldrucke produzieren.
  • Fazit wirtschaftlich:
    • Für den normalen Hobby‑User mit 1–2 Druckern ist es höchstwahrscheinlich günstiger und stressärmer, einfach neues Filament zu kaufen und Poop als unvermeidlichen Abfall zu akzeptieren.
    • Spannend wird es erst ab Druckfarmen oder Makerlabs, die konstant große Mengen sortenreinen Abfalls produzieren und die Maschinen wirklich auslasten können.

Für wen ist das System sinnvoll?

  • Kleine bis mittlere Druckfarmen (z.B. Print-on-Demand, Prototyping-Service, Bildungseinrichtungen), die:
    • sehr viel gleichartiges Material (z.B. fast ausschließlich PLA einer Sorte) verarbeiten,
    • und genug Volumen haben, damit die Anlage dauerhaft „Futter“ bekommt.
  • Maker, die bewusst experimentieren wollen (Farbmischungen, „Sonderfilamente“, definierte mechanische Eigenschaften) und den Mehraufwand als Teil des Hobbys sehen.

Weniger sinnvoll:

  • Normale Home-User mit wechselnden Filamenten (PLA, PETG, ASA, diverse Hersteller/Farben).
    • Sortenreine Trennung ist hier kaum realistisch – Mischrecycling führt schnell zu unvorhersehbarem Materialverhalten.
  • Nutzer, die primär verlässliche, reproduzierbare Drucke wollen und keine Lust auf Tuning und Testreihen bei jeder neuen recycelten Charge haben.

Ökologische Einordnung

  • Positiv:
    • Jede sinnvolle Wiederverwertung von Fehldrucken spart Rohöl, Transport und Verpackung von Neuware – zumindest teilweise.
    • Gerade in größeren Setups kann das System helfen, Müllvolumen real spürbar zu reduzieren.
  • Relativierend:
    • Auch M1 & R1 verbrauchen Energie, haben einen Herstellungs‑Footprint und benötigen für „gutes“ Filament oft zusätzliche Neu-Pellets.
    • Ökologisch interessant wird es vor allem dort, wo wirklich tonnenweise Druckabfall entsteht und ansonsten schlicht verbrannt oder deponiert würde.

Vorläufiges Fazit:

  • Technisch: M1 & R1 sind ein spannender Schritt hin zu „Prosumer‑Recycling“ – deutlich zugänglicher als klassische Industrielösungen oder harte DIY‑Setups.
  • Praktisch: 100% Kreislaufwirtschaft bleibt Illusion; qualitativ hochwertiges Filament erfordert sehr wahrscheinlich einen Mix aus Recyclingmaterial und frischen Pellets.
  • Ökonomisch: Lohnt sich eher für Druckfarmen, Schulen, Labs und Power‑User mit viel, gut sortiertem Abfall – weniger für den typischen Endanwender, für den günstiges Markenfilament unter’m Strich meist die bessere Option bleibt.

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